"Energiewende und Klimaschutzmaßnahmen sind nur mit dem Handwerk umzusetzen"

05.08.2019

Mit der Neue Osnabrücker Zeitung sprach ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer über die Chancen Künstlicher Intelligenz, bezog Stellung zur Debatte rund um die CO2-Bepreisung und räumte mit Vorurteilen gegenüber der Ausbildung im Handwerk auf. Das Interview erschien am 27. Juli 2019. Nachfolgend finden Sie die vom ZDH freigegebene Fassung.


Herr Wollseifer, verändert der Klimawandel das Handwerk: Ist der Kälteanlagenbauer der Mann der Zukunft?

Ja, Kälteanlagenbauer sind künftig sicher sehr gefragte Leute, aber nicht nur sie: Auch Heizungsbauer, Schornsteinfeger, Elektriker und Glaser werden das sein. Denn sie alle brauchen wir, um die Klimaziele zu erreichen. Der Klimawandel bringt gerade für diese Fachkräfte viele Herausforderungen. Sie müssen sich ständig weiterbilden. Um sich etwa auf neue Kältemittel einzustellen. Um CO2-sparende Verglasungen zu entwickeln. Um klimaschonende Heizungen einzubauen. Aber das Handwerk hat sich schon immer an klimatische, technische oder gesellschaftliche Entwicklungen angepasst.

Ist auch das „smart home“ mit automatischen Rollläden und intelligenten Hausgeräten für alle Betriebe eine zu bewältigende Herausforderung, auch wenn es um den Schutz von Daten geht?

Das hängt entscheidend davon ab, dass unsere Elektriker, aber auch Heizungsbauer oder Mitarbeiter in der Kfz-Branche Zugang zu allen elektronischen Daten haben. Das ist die Grundvoraussetzung. Es darf keinen Exklusivzugang von einigen wenigen Marktakteuren zu Daten geben, und unsere Betriebe werden ausgeschlossen. Was den Datenschutz betrifft: Den will auch das Handwerk, aber bitte so, dass er die kleinen Betriebe nicht überfordert.

Die EU-Vorgabe, wonach schon Betriebe mit zehn Mitarbeitern einen Datenschutzbeauftragten benennen müssen, war viel zu streng, jetzt ist das in Firmen ab 20 Beschäftigten nötig. Wir hatten für 50 Mitarbeiter als Richtzahl plädiert. Es kann nicht sein, dass Regelungen, die eigentlich für die Großen gedacht sind, letztlich die kleinen Betriebe belasten.

Künstliche Intelligenz – eine weitere technologische Entwicklung? Muss das Handwerk die überhaupt auf dem Schirm haben?

Auf jeden Fall! Handwerk kann und sollte sich von neuen technologischen Entwicklungen nicht abkoppeln, das gilt auch für KI. In einer aktuellen bundesweiten ZDH-Umfrage sieht eine Mehrheit der Befragten mittelfristig deutliche Nutzungsmöglichkeiten bei KI-Anwendungen im Handwerk. KI wird ein wichtiger Wettbewerbsfaktor werden und „sehr wahrscheinlich“ dem Handwerk in absehbarer Zeit Chancen eröffnen. 91 Prozent gehen davon aus, dass Betriebe, die auf KI setzen, langfristig erfolgreicher sein werden. Sie sehen, wir haben dieses komplexe Thema sehr wohl auf dem Schirm und unterstützen unsere Betriebe, KI-fit für die Zukunft zu werden.

Sie haben „mittelstandsgerechten Klimaschutz“ gefordert – heißt das ein striktes Nein zur CO2-Steuer?

Zu einer CO2-Bepreisung kein striktes Nein, allerdings nur unter der Voraussetzung, dass eine solche Bepreisung belastungsneutral und klug umgesetzt wird. Es liegen derzeit viele Instrumente auf dem Tisch, von der Mengensteuerung mit Zertifikaten über eine zweckgebundene Abgabe bis hin zu einer CO2-Steuer. Bei der Wahl des richtigen Instruments müssen wir umsichtig sein. Keinesfalls darf es zu Wettbewerbsverzerrungen kommen. Wenn es wieder so sein sollte, dass allein kleine Gewerbetreibende und die ganz normalen Bürger die Lasten tragen sollen, dann stellt sich das Handwerk quer.

Viele unserer Mitarbeiter sind Pendler, wir wollen nicht, dass sie benachteiligt werden. Sollte es zu einer CO2-Bepreisung – in welcher Form auch immer - kommen, erwarten wir einen angemessenen Ausgleich. Denkbar wäre es, wie es der CSU-Vorsitzende Markus Söder vorgeschlagen hat, die Kfz-Steuer deutlich zu senken und die Pendlerpauschale anzuheben. Alles andere wäre ungerecht gegenüber Bewohnern ländlicher Gebiete, die gezwungen sind, zum Arbeitsplatz zu pendeln.

Andererseits profitiert das Handwerk, weil mehr Energieeffizienz im Gebäudebereich mehr Aufträge bringen wird. Ist das nicht ein Ausgleich?

Das sehe ich nicht so, das kann man nicht gegeneinander aufrechnen. Schließlich hat kein Bäcker oder Schuster etwas davon, wenn es im Gebäudebereich mehr Effizienzinvestitionen gibt. Es sollte uns allen darum gehen, möglichst viel CO2 einzusparen, und das am besten über kluge Anreize und marktwirtschaftliche Lösungen. Daher denke ich, ist es wirklich höchste Zeit, die steuerliche Förderung der Gebäudesanierung endlich auf den Weg zu bringen. Der Heizenergieverbrauch macht 80 Prozent des Energieverbrauchs eines Privathaushaltes aus, aber die Sanierungsquote liegt aktuell bei weniger als 2 Prozent im Jahr. Das ist doch unglaublich, dass man diese enormen Potenziale für den Klimaschutz brach liegen lässt.

Damit das in Gang kommt, müssen wir Anreize setzen. Die bisherigen zwei Vorstöße für eine steuerliche Förderung sind wegen eines Streits zwischen Bund und Ländern gescheitert. Bauminister Horst Seehofer hat dem Handwerk inzwischen politische Unterstützung zugesichert. Wir setzen darauf und sind zuversichtlich, dass es diesmal klappt. Bessere Dachdämmung, bessere Fenster, bessere Heizungen oder Geothermie müssen bezahlbar sein, sonst kommen wir nicht voran.

Fakt ist doch: Die Energiewende wird es ohne das Handwerk nicht geben, unsere Fachkräfte sind es doch, die sie umsetzen. Aber ja, auch das stimmt: Eine solche Förderung würde unsere derzeit gute Auftragslage auch in die Zukunft hinein verstetigen.

Eine Ausbildung im Handwerk nennen Sie eine Jobversicherung...

Das ist so, aber es halten sich leider noch immer viele falsche Klischees, wonach Handwerk vor allem schmutzige und körperlich anstrengende Arbeit ist. Dabei hat sich sehr Vieles geändert, auch durch die Digitalisierung. Es wird zudem verkannt, dass die berufliche Bildung Perspektiven bietet, die mancher akademische Weg nicht mehr bieten kann. Bei der hohen Studentenanzahl werden allenfalls die Besten die gutbezahlten akademischen Traumjobs ergattern, sehr viele gehen leer aus.

Mit einer Meisterprüfung wird einem das so gut wie sicher nicht passieren. Was viele auch nicht wissen: Das durchschnittliche Arbeitseinkommen eines Meisters in seinem Berufsleben ist genauso hoch wie das eines Bachelors. Und wer einen richtig gut laufenden Handwerksbetrieb führt mit 50 oder 70 Mitarbeitern, der dürfte am Ende vermutlich sogar mehr in der Tasche haben als ein Jurist in einer Spitzenkanzlei.

Das Gespräch führte Beate Tenfelde.

Quelle: Zentralverband des Deutschen Handwerks (www.zdh.de)


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