Handwerkspräsident nimmt GroKo in die Pflicht

28.10.2019

ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer hat sich Zeit für ein Interview mit dem RND genommen und erklärt, warum die GroKo besser ist als ihr Ruf. Das Interview führte Andreas Niesmann. Es erschien am 22. Oktober 2019.


Herr Wollseifer, auf massives Drängen des Handwerks will die Bundesregierung in zwölf Gewerken die Meisterpflicht wieder einführen. Warum ist das nötig?
Wollseifer: In vielen Bereichen, in denen die Meisterpflicht weggefallen ist, sind Qualitätsprobleme aufgetreten. Kein Wunder: Denn seither konnte wirklich jeder, der wollte, ohne jeglichen Nachweis einer Qualifizierung in den meisterfreien Gewerken arbeiten. Darunter hat der Ruf des gesamten Handwerks gelitten.

Außerdem haben wir gesehen, dass Firmen von ungelernten Kräften in der Regel deutlich schneller vom Markt verschwinden als Meisterbetriebe, vielfach schon vor Ablauf der Gewährleistungsfrist von fünf Jahren. Für die Verbraucher ist das ein Problem. Die bleiben dann nämlich auf den Kosten sitzen, die entstehen, um Schäden aus nicht fachgerechter Arbeit zu beseitigen.

Kunden können sich frei entscheiden, ob ihnen die Qualität und Sicherheit eines Meisterbetriebes einen Aufpreis wert ist. Diese Freiheit wird ihnen nun genommen.
Wollseifer: Es greift zu kurz, nur auf den Preis abzustellen. Bei den zwölf Berufen, die jetzt „wiedervermeistert“ werden, geht es um Verbraucherschutz- und Kulturgüterschutz sowie darum, Gefährdungen zu vermeiden. Wenn etwa Fliesen oder Parkett nicht fachmännisch und mit falschen Klebstoffen oder ungeeigneten rutschhemmenden Materialien verlegt werden, kann das für die Nutzer eine Gefahr darstellen.

Daher ist es wichtig, dass Qualitätsstandards eingehalten werden. Meisterbetriebe geben ihre Qualifizierung und ihre Fertigkeiten an nachfolgende Generationen weiter. Ohne diesen Wissenstransfer fehlen später die Fachkräfte. Dann gibt es eines Tages kaum jemanden mehr, der weiß, wie Orgeln oder Kirchen restauriert werden.

Ging es ihnen nicht vor allem darum, den Berufsabschluss “Meister” zu stärken?
Wollseifer: Aus meiner Sicht müsste der Meisterabschluss sogar noch viel mehr gestärkt werden. Wir sprechen immer über Gleichwertigkeit der Bildung.

Hier müsste der Staat doch eigentlich ein leuchtendes Vorbild sein. Ist er aber nicht: Wenn man in den gehobenen oder höheren Dienst eintreten will, benötigt man ein Hochschulstudium. Dabei liegt eine Meisterprüfung auf demselben Qualifizierungsniveau wie ein Bachelor-Abschluss. Das ist grob ungerecht. Und es führt dazu, dass Stellen im Öffentlichen Dienst nicht besetzt werden können, obwohl es hochqualifizierte Bewerber gibt.

Welcher Handwerksmeister will denn freiwillig in den Öffentlichen Dienst?
Wollseifer: Ich kenne mehrere. Da ist zum Beispiel ein Meister in einem Bauberuf, der gerne beim kommunalen Bauamt in Leitungsfunktion angefangen hätte. Das würde auch Sinn machen, weil er eine ganze Menge von der Materie versteht. Zudem hatte er im Betrieb eine Führungsfunktion inne. Dessen Einstellung ist an der künstlichen Hürde im öffentlichen Dienst gescheitert. Das sollten wir dringend ändern. Ein Meisterabschluss muss auch zum Eintritt in den gehobenen oder höheren Dienst befähigen.

Ist die Meisterpflicht ein Integrationshemmnis für Migranten, die in ihren Heimatländern großartige handwerkliche Fähigkeiten gelernt, aber keinen deutschen Meisterbrief haben?
Wollseifer: Integrationshemmnis und Handwerk in einem Satz zu nennen, das schließt sich für mich aus. Wir sind Integration. Von den Flüchtlingen, die 2015 gekommen sind, hat das Handwerk weit mehr als jede andere Branche beschäftigt und integriert. Menschen, die sich anstrengen, die unsere Sprache lernen, die arbeitswillig sind, haben eine Chance verdient.

Aber wir sind auch nicht naiv und realitätsfremd: Menschen, die kriminell und straffällig werden, müssen wir abschieben, und zwar schnell. Da muss der Staat noch besser werden. Auch, um die Akzeptanz für die integrationswilligen Zuwanderer und ausländischen Fachkräfte, die wir händeringend brauchen, zu erhöhen.

Wie groß ist der Fachkräftemangel derzeit?
Wollseifer: Laut Arbeitsagentur gibt es im Handwerk 160.000 offene Stellen. Wir wissen aber, dass viele unserer Betriebe die gar nicht mehr melden. Nach unserer Schätzung könnten wir 250.000 Handwerker einstellen. Und zwar sofort. Hinzu kommen – Stand Ende September - noch 22.000 unbesetzte Lehrstellen – etwa die Größenordnung wie in den Vorjahren. Auch dadurch wächst der Fachkräftemangel auf.

Ist das Handwerk am Nachwuchsmangel nicht selbst schuld, weil es so geringe Ausbildungsvergütungen bezahlt?
Wollseifer: Fakt ist, dass im Handwerk im Vergleich zur Gesamtwirtschaft die höchsten Ausbildungsvergütungen überhaupt bezahlt werden. Gerade in Bereichen, in den wir händeringend Lehrlinge suchen, Straßenbau, Tiefbau, Zimmerleute, werden hohe Vergütungen schon in der Lehre bezahlt.

Und trotzdem rennen Lehrlinge in diesen Gewerken unseren Betrieben nicht die Tür ein. Anders ist es in Gewerken, wo die Ausbildungsvergütungen niedriger sind, Schornsteinfeger, Gold- und Silberschmiede, Maßschneider – da stehen Lehrlinge Schlange. Am Geld allein liegt es also nicht.

Ist es nicht trotzdem kleinlich, dass sich das Handwerk so händeringend gegen die Mindestausbildungsvergütung gestemmt hat? Wir reden über 515 Euro im Monat. In Berlin, Hamburg oder München mag das kleinlich wirken. Aber gehen Sie mal in die ländlichen Regionen Brandenburgs oder Mecklenburg-Vorpommerns. Da sind solche Ausbildungsgehälter für die Betriebe eine echte Belastung. Zumal eine Ausbildung auch heute schon im Schnitt 16.500 Euro kostet. Das, was der Lehrling an Leistung einbringt, ist da schon abgezogen.

Die Mindestausbildungsvergütung finden sie nicht gut. Wie zufrieden sind Sie ansonsten mit der Politik der Bundesregierung?
Wollseifer: Die Große Koalition ist besser als ihr Ruf. Sie hat ein paar Einigungen hinbekommen, die nicht einfach waren. Nehmen sie das Klimapaket. Wir finden den Klimaschutz wichtig und unsere Betriebe setzen ihn um. Da ist die Regierung einen ersten wichtigen Schritt gegangen. Was uns fehlt, ist Verlässlichkeit und damit Planbarkeit.

Wenn jetzt jedes Jahr beim Instrumentenkasten nachgesteuert werden soll, wie es bei Verfehlung der Reduktionsziele geplant und leider auch absehbar ist, weiß kein Handwerker, worauf er sich einstellen soll. Unter solchen Bedingungen ist es schwierig, Entscheidungen für die Zukunft zu treffen. Besser wäre es, die Bundesregierung würde so rasch wie möglich mit einer tatsächlich wirksamen Mengensteuerung beginnen. In jedem Fall richtig ist der vorgesehene neuerliche Anlauf, eine steuerliche Sanierungsförderung einzuführen.

Sie wünschen sich, dass die Groko weitermacht?
Wollseifer: Wir sehen bei allen Landtagswahlen, dass Populisten, Protektionisten und Nationalisten Stimmenzuwächse verzeichnen. Das macht uns Sorge. Ich bin überzeugt, dass sich für die Bundesregierung aus dieser Entwicklung die Verpflichtung ergibt, weiter Verantwortung zu übernehmen. Union und SPD müssen sich zusammenraufen. Selbstbeschäftigung und Personalquerelen helfen niemandem - außer den Politikverachtern von rechts.

Wie bewerten sie die Arbeit des Bundeswirtschaftsministers?
Wollseifer: Was der Wirtschaftsminister in seiner Mittelstandsstrategie vorgestellt hat, ist genau das, was wir brauchen. Ich hoffe, dass möglichst viel davon bald umgesetzt wird, denn die Wirtschaft braucht Unterstützung, wenn sie weiter für Wohlstand und Arbeitsplätze sorgen soll.

An den persönlichen öffentlichen Angriffen gegen Peter Altmaier hat sich das deutsche Handwerk übrigens nie beteiligt. Wer Verantwortung in der Politik trägt, muss anständig und respektvoll behandelt werden. Das schließt nicht aus, Kritik an Entscheidungen oder Vorhaben zu üben, aber eben fundiert und sachlich. Das ist unsere feste Überzeugung, und die sollten sich andere mal hinter die Ohren schreiben.

Quelle: Opens external link in new windowZentralverband des Deutschen Handwerks


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